Abba Naor – ein Zeitzeuge des Holocaust beeindruckt und bewegt nicht nur unsere Schüler

Gebannte, ja, ehrfürchtige Stille im vollbesetzten Thomas-Saal. Zusammen mit interessierten Menschen aus der Region, die ihre Schulzeit schon beendet haben, wurde am Freitag, 19. Mai, aber dem Vortrag des Schriftstellers Abba Naor entgegengefiebert, der die Schrecken des Holocaust überlebt hat und es sich auch im Alter von 89 Jahren nicht nehmen lässt, bayerische Schulen zu besuchen, um dort Jugendlichen und Erwachsenen seine Geschichte zu erzählen, ganz getreu seinem Motto: „Gegen das Böse angehen und das Gute tun.“

Spürbar mit ganzem Herzen, einem Hauch von Selbstironie und nach all den Schrecken, die er erleben musste, auch mit sehr viel Verständnis und Menschenfreundlichkeit präsentierte Naor dem Auditorium seine Vita und darüber hinaus noch sehr viel Essentielles an Lebensphilosophie. Bereits mit seinem Einstieg schaffte es der gebürtige Litauer, gleichermaßen zu informieren wie zu fesseln: „Litauen war kein reiches Land, aber es war schön, als Kind dort zu leben. Wir waren eine ganz normale Familie: Vater, Mutter und wir drei Brüder. 250.000 Juden und viele weitere kleine Völker lebten vor dem Zweiten Weltkrieg in Litauen – miteinander. Am Kriegsende waren gerade einmal 10.000 Juden am Leben geblieben, darunter nur 350 Kinder. Wie konnte das geschehen? – Das ist die Geschichte, die ich Ihnen und euch nun erzählen werde...“
Naor war dreizehn, als seine Familie im Jahr 1941 in das Ghetto Kaunas ziehen musste. Man habe recht zügig gelernt, mit Hinrichtungen zu leben, schließlich sollte Litauen ja schnell „judenrein“ werden, so der Zeitzeuge. Er betonte weiterhin: „Der Holocaust hat in Litauen angefangen. Von Paris, Wien, München, Frankfurt und so weiter wurden Menschen dorthin gebracht und dann getötet.“ Aber Naor vergaß auch nicht, die „guten Leute“ zu erwähnen, indem er insbesondere auf einen gewissen Feldwebel Anton Schmid einging, der Hunderten von Menschen das Leben rettete, dafür jedoch mit dem eigenen Leben bezahlen musste.

„Ich hatte im Ghetto immer Angst, ob die anderen zurückkommen werden. Ich passte ja auch immer auf meinen kleinen Bruder auf,“ berichtete der sichtlich bewegte, aber zu keiner Zeit verbittert wirkende Redner weiter, „und diese Angst bin ich nie losgeworden – mein Leben lang. Seelisch sind sehr viele von uns im Lager geblieben.“
Und die Angstvorstellungen des Dreizehnjährigen wurden zur unverrückbaren Wirklichkeit: Die SS erschoss seinen zwei Jahre älteren Bruder Chaim. Abba, sein kleiner Bruder und die Eltern wurden im Jahr 1944 von Kaunas ins KZ Stutthof bei Danzig gebracht. Die Mutter und den zweijährigen Bruder deportierte man nach Auschwitz, wo sie noch am Tag ihrer Ankunft vergast wurden.

An dieser Stelle stockte sämtlichen Zuhörern der Atem. Aus den Reihen der Schüler war unter anderem zu vernehmen: „Unvorstellbar! Wie furchtbar!“ Die älteren Gäste sinnierten über eigene Kinder und Enkelkinder. Und obwohl keinem die Grausamkeiten dieses dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte neu waren, so spürten doch sehr viele erstmalig das direkte Mitgefühl, ja, das echte „Mitleiden“ mit einem Menschen aus Fleisch und Blut, der vor ihnen stand und seine ganz eigene Geschichte erzählte.

Abba Naor und sein Vater kamen nach Dachau. Der Ältere musste Zwangsarbeit im Außenlager Allach verrichten, der Jüngere fand sich in Utting am Ammersee wieder – gar nicht so weit weg von unserer Heimatregion, wie das Auditorium traurig konstatierte. 1945 meldete sich der Teenager freiwillig für das Außenlager Kaufering I, wo schrecklichste Zustände herrschten, um dort seinen Vater zu suchen. „Diese Arbeitslager waren aber eher Vernichtungslager. Es gab dort keine Gaskammern, jedoch war es schwer, zu überleben. Überleben war nur ein Zufall.“ – Eine weitere Aussage, die den Zuhörern an Herz und Nieren ging. „Es kann doch nicht wahr sein, dass Menschenleben nicht mehr sind als Zufall!“, flüsterte eine Zuhörerin schüchtern.

Der Zeitzeuge selbst hatte Glück. Er wurde am 2. Mai 1945 auf dem Todesmarsch nahe Waakirchen, Landkreis Miesbach, von amerikanischen Soldaten befreit, fand danach seinen Vater wieder und ging nach Palästina. 1948 kämpfte er dort im Unabhängigkeitskrieg. Später wurde Abba Naor Mitglied des israelischen Inlandsgeheimdienstes, in dessen Diensten er unter anderem in den 1980er Jahren an der Rettung der äthiopischen Juden mitwirkte. Seit 2001 agiert der heute 89-Jährige nun als Vertreter der ehemaligen Landsberg-Häftlinge im Vorstand des Internationalen Dachau-Komitees. Im Jahr 2009 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. In der Würdigung heißt es unter anderem, Naor personifiziere „die Werte Versöhnung, Völkerverständigung und Freundschaft“.

An die Schüler richtete der rüstige Zeitzeuge unter anderem die Frage, ob sie wüssten, welches Privileg sie hätten, die Schule besuchen zu können. Er selber durfte dies nur sechs Jahre lang tun. Dem gesamten Publikum zugewandt äußerte er auch im Hinblick auf aktuelle Missstände: „Es bezahlen immer die Kinder – auch heute noch. Kinder haben das Recht auf Leben, egal, was ihre Eltern machen!“

Abschließend nahm sich der Holocaustüberlebende noch viel Zeit, um alle Fragen, die sich während seines Vortrags im Auditorium gesammelt hatten, ausführlich zu beantworten. „Für die zehnte Jahrgangsstufe unserer Schule wird Naors Buch „Ich sang für die SS“ nun im Klassensatz angeschafft, um es im Rahmen des Geschichtsunterrichts zu lesen, da diese Biografie so viele Themen des Geschichtsunterrichts veranschaulicht“, sagt Geschichte-Fachbetreuerin Astrid Thum.


Text und Bilder: Andrea Linder

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